2014 Shetland
22.07.2014 Nach Shetland ist kein Ponyhof!

Wir haben es geschafft! Wir haben die Nordsee überquert und sind in Lerwick angekommen. Wir werden von der Sonne (die zeigt sich hier anscheinend nur ab und zu) und von sehr freundlichen Leuten (die sollen da in grosser Anzahl heimisch sein) empfangen.

Norwegen zeigt sich von der besten Seite. Wir fahren bei Sonnenschein und sommerlichen Temperaturen durch die Schären (leider mit Motorkraft, da der Nordwind durch die Berge abgehalten wird) und halten auf die offene See zu. Draussen können wie den Wind endlich nutzen und lassen uns zügig durch das Wasser schieben. Segeln wie es besser nicht sein könnte.

Die Küste hat sich noch nicht verabschiedet, da tauchen auch schon die ersten Ölplattformen auf. Sie werden uns auch durch die Nacht begleiten, als hell beleuchtete Christbäume auf dem weiten Wasser.

Der Wechsel vom Nordwind zum Südwind in der ersten Nach verläuft leider nicht so schnell wie prognostiziert, so dass wir wieder auf die Unterstützung unseres Unterwasserantriebs angewiesen sind. Schade... Wir wechseln uns im 3h-Takt ab, so kommt jeder etwas zu Ruhe (wenn auch nicht unbedingt zu gutem Schlaf). Eissturmvögel begleiten uns ab nun bis zu unserer Ankunft auf den Shetlandinseln. Was machen die Vögel 100 Meilen entfernt vom nächsten Land? Wie orientieren sie sich? Wie finden sie ihre Nahrung? Spannende Fragen, über die wir Zeit haben zu sinnieren...

Gegen Mittag ziehen immer mehr Wolken auf und aus einer Regenzelle überraschen uns plötzlich heftige Winde. Wir können die Segelfläche aber rechtzeitig verkleinern, so dass wir ohne Probleme der zweiten Nacht entgegen segeln können.

Die hat es in sich: ich komme nach der ersten Ruhepause an Deck, da informiert mich Karin, dass Nebel aufgekommen ist. Ich schaue auf unser Speedometer: 6.0kn... Vollspeed... ich blicke nach vorn... null Sicht! Der Bugkorb ist noch zu erkennen... Naja, es wird wohl keiner jetzt unterwegs sein (ausser jenes Schiff, welches parallel zu uns fährt, in 2.5nm Abstand, welches wir danke AIS „sehen“). So ziehen wir weiter unsere Bahn durch Nacht und Nebel. Schaurig gespenstig!!!!

Gegen Morgen wird die Sicht besser, der Wind jedoch dreht leider genau auf West! Wir wollen nicht aufkreuzen, das würde die zu segelnde Distanz von 30 Meilen glatt verdoppeln. So lassen wir uns wieder künstlich schieben, denn wir wollen ja noch heute ankommen.

Und das machen wir!!! Für die letzten 5 Meilen stahlt die Sonne und der Wind bläst von der richtigen Seite. Basstölpel und Papageientaucher schauen vorbei und von weitem erblicken wir einen Wal... traumhaft!

Lerwick gefällt uns auf den ersten Blick. Wir glauben, wir bleiben länger auf Shetland!

 

 
23.07.2014 Alles anders!

Irgendwie ist hier alles anders als in Norwegen! Die Leute sind sehr sehr(!!!) freundlich, die Inseln sind flach, das Essen im Restaurant gut... Aber besonders der Strassenverkehr hat es uns angetan!!! Wir stehen am Kreuzungen und Kreisel und beobachten das Treiben mit Staunen! Alles anders... die Fahren ganz komisch, die Shetländer!

Wir verbringen die meiste Zeit des Tages im Shetland-Museum in Lerwick! Eines der besten Museen, in denen wir je waren... Es zeigt die Geschichte der Inseln und der Leute, welche sie bewohnen in eindrücklicher Form. Und es macht so richtig Appetit auf mehr! Wir freuen uns, bald die Inseln selber erkunden zu können!

 
25.07.2014 Angegriffen!

Der Anker fällt in der Westbucht von Mousa. Neben uns krachen Seeschwalben ins Wasser und fangen Fische. Wir beobachten das Treiben gespannt. Wir wissen nicht, dass wir in wenigen Stunden genau auf diese Art angegriffen werden!

Unsere Seekarten von Shetland sind vollgeklebt mit Post-it. Hier ist eine Vogelkolonie, hier könnten Minkwale auftauchen, da steht eine Steinzeitruine, da wurde vor zehn Tagen ein Orca gesichtet... Der Wind entscheidet, welche „Sehenswürdigkeit“ wir zuerst anlaufen. Es ist Mousa.

Von weite sehen wir den Broch. Brochs sind 2000(!) Jahre alte, mehrstöckige(!), runde Behausungen. Das Broch von Mousa ist das am besten erhaltenste von ganz Shetland. Natürlich besichtigen wir es sofort nach unserer Ankunft. Es werden sogar Taschenlampen zur Verfügung gestellt, um in der Ruine den Weg zu finden.

Auf der Insel hat es einen schön angelegten Rundweg. Er führt neben dem Broch auch an verschiedenen Vogel- und Seehundkolonien vorbei. Wir beobachten natürlich gespannt alles was sich irgendwie bewegt ohne den Weg natürlich zu verlassen!! (Auf einer Tafel steht sogar, dass das Anhalten auf einem Teilstück sogar verboten ist!).

Auf einer Ebene jedoch ist fertig lustig! In vollem Sturzflug pfeilen die Küstenseeschwalben auf uns herunter (ja, wir sind Weg!!!)! Knapp über unseren Köpfen drehen sie ab. Wir laufen schleunigst weiter, werden aber weiter verfolgt. Karin vor mir duckt sich und fuchtelt wild mit den Armen über ihrem Kopf, während sie versucht, möglichst schnell über die Ebene zu kommen. Die Seeschwalben greifen unaufhörlich an. Ein Bild zum schreien. Aber leider kann ich kein Foto machen, denn auch über meinem Kopf schwebt die Gefahr...

Am Ende der Ebene verstecken wir uns hinter einer Steinmauer und beobachten, wie sich die Szene beruhigt. Die Schwalben fliegen zu Boden. Es scheint, dass sie ihre Nester nur wenige Meter neben dem Weg haben... Das erklärt einiges...

Auf dem Heimweg müssen wir noch einem verunglückten Schaf auf die Beine helfen. Es liegt mit allen vieren in die Luft gestreckt am Boden. Zwei Lämmer warten in etwas Entfernung. Wir können das Schaf drehen und es läuft humpelnd davon. Jeden Tag eine gute Tat!

 
26.07.2014 New York

Der Wind wollte es so, dass der nächste Programmpunkt auf unserer Reise der Basstölpel-Brutfelsen von Noss ist. Gespannt warten wir darauf, was sich da langsam aus dem Nebel löst...

Erinnert ihr euch daran, wie wir vom Basstölpel-Felsen von Runde geschwärmt haben? Ja? Der Felsen von Runde ist so wie Zürich: städtisch, übersichtlich, schick, sehenswert!

Der Felsen von Noss ist New York!!!! Gewaltig, riesig, atemberaubend!

Wir haben nicht gewusst, dass es in Europa (abgesehen von den arktischen Gebieten) so grosse Brutkolonien gibt. In einer Kilometer langen Felswand sitzen die Basstölpel dicht an dicht (der Abstand ist genau so gross, dass der Schnabel des Nachbarn nicht in den eigenen Garten reicht...). Jeder Absatz und jede Lücke ist besetzt. Vor dem Felsen kreisen die Hungrigen und pfeilen aus grosser Höhe ins Wasser. Es ist ein emsiges Treiben. Der Lärm ist gewaltig. Und der Gestank, der Gestank ist........

Langsam schiebt uns der Wind durch die Szenerie. Wir sind glücklich, jeden Tag aufs neue überrascht zu werden. Und es zeigt sich einfach einmal mehr: man muss nicht um die Welt reisen um die Wunder der Natur zu sehen...

 
27.07.2014 Skippendale

Heute meldet sich mal die Skipperin zu Wort, denn Mister Skipper würde die folgende Story wohl nicht preisgeben....

Denn heute ist „day off“ bei dickstem Nebel um uns herum  oder besser gesagt „Skipperinnen-Day“. Dies heisst konkret: fellermässiges Ausschlafen (10:00), Kuscheln, gemütlich Zmörgele (11:00), wieder Kuscheln (ja, nur Kuscheln! ), Powernap (13:00), anschliessend Zimtschnecken backen und natürlich auch gleich davon schnabulieren....

Soweit so gut für den Skipper, bis wir uns entschliessen, doch noch ein wenig die weisse Wildnis (irgendwo muss ja auch Land um uns herum sein) zu erkunden...

Nach einem Spaziergang über die Weiten der Hasen- & Schafsweide wieder am Strand angelangt, lockt der Kadaver eines Basstölpels erneut die Neugierde. Sogleich beginne ich mit dem Sezieren desselbigen – der mit Schwimmhäuten versehene Fuss und der imposante Schnabel sollen als Souvenir her...

... der Skipper hingegen entscheidet sich endlich mal das dreckige Dinghi im seichten Wasser des Sandstrandes zu schrubben...

So ganz kann er die Augen dann aber doch nicht von der Skipperin lassen... guck, guck, liebäugel.... Und dann? Ja, auf diesen Moment habe ich schon lange gewartet: Skippendale-Show am Strand!

Da fliegt zuerst die Windjacke und der Pullover – uiiii - dann das T-Shirt – ohhhh - im weiten Bogen auf den Sand – pfeif - und weiter geht’s mit den Hosen - pfeif pfeif!

Weiter los! Was der Skipper will mich nicht mit seinen vollendeten Tatsachen beglücken? Nein?!

Jetzt sehe ich es auch – das Dinghi schwimmt seelenruhig auf dem Wasser, bereits 30m vom Strand entfernt J Es folgt also ein beherzter Schwumm des Skippers in der kalten Nordsee...

Warum er dabei die Unterhosen anbehielt, bleibt sein Geheimnis. Die Skipperin jedoch ist sich sicher noch nie von prüden Schafen gehört zu haben. ;-)

 

 
30.07.2014 Commonwealth auf Fetlar

Es gibt in Shetland einige Buchten, die, wären sie in der Karibik, mit duzenden Schiffen bevölkert wären. Tresta Wick auf Fetlar gehört dazu. Nur liegt sie eben nicht in der Karibik, und darum sind wir mit unserem Schiff alleine und können den Anker da hin schmeissen, wo es uns passt...

Wir wollen kurz einkaufen. Nun, hmmm, der Shop auf Fetlar hat ein sehr sonderbares Angebot. Da liegen zum Beispiel viele Bananen in verschiedenen Zuständen des Verfaulens. Der einzige Kohl marschiert schon fast eigenständig aus dem Laden. Der Broccoli blüht bereits zum zweiten Mal in seinem Leben... wir kaufen nur wenig ein...

Das Dorfmuseum besuchen wir eigentlich nur, um vor dem herannahenden Regen Schutz zu suchen. Wir werden herzlich empfangen. Fetlar steht ganz im Zeichen der Commonwealth-Spiele, welche ja zur Zeit in Glasgow über die Bühne gehen. Auch wenn wir nicht dem Commonwealth angehören, werden wir gebeten unsere Herkunft mit einem Pin auf einer grossen Weltkarte zu markieren. Unser Pin ist der zweite auf der Karte...

Im Gemeinschaftszentrum wollen wir kurz einkehren. Alles ist bunt dekoriert. Die Schulkinder von Fetlar haben die verschiedenen Sportarten und Sportler beschrieben und gemalt. Heute ist Jamaica-Tag. Darum gibt es gratis eine Jamakanische Spezialität. Sieht lecker aus. Aber der Skipper macht sich mit dem ersten Bissen Fisch trotzdem zur Toilette auf, um dort das Stück heimlich zu entsorgen...

Als Herausforderung für die Gesellschaft hat es an einem Tisch ein Puzzle mit 3000 Teilen, das bis am Abend fertig sein soll. Wir helfen kräftig mit. Karin löst mit ihrer sagenhaften Rand-zuerst-Zusammenbau-Technik regelrechte Begeisterungsstürme aus (notabene, ohne die Teile wirklich zu erkennen, denn seit Norwegen hat sie ja keine Brille mehr...).

Bald ziehen wir aber weiter, denn die Vogelwelt draussen ruft, und der Regen hat sich auch verzogen...

 

 
31.07.2014 You are welcome!

Eigentlich wollen wir in Baltasound nur kurz Wasser bunkern, um danach vor dem Hafen (der ist mit 1m Wassertiefe sogar für uns zu seicht) zu ankern. Kaum festgemacht werden wir von zwei freundlichen Damen begrüsst. Wir werden eingeladen, die Duschen des Segelclubs zu benützen und der Weg zu Restaurant (wir haben was zu feiern) beschreiben sie uns auch.

Wir haben den Wasserschlauch noch nicht bis zum Schiff geschleppt, da hält bereits das nächste Auto am Pier. Eine ältere Dame kommt. Sie habe uns einlaufen sehen und wolle nur kurz Hallo sagen. Es folgt wieder ein unterhaltsames Gespräch. Ach ist das schön!

(das Restaurant war übrigens fully bocked... L)

 
02.08.2014 umso bockig; desto schön

Wir haben den Eindruck, in Shetland muss alles doppelt so hart verdient werden. Wir wollen um das nördlichste Kapp Shetlands (Muckla Flugge). Zum Glück haben wir eine sehr gute Strömungskarte der Inseln, so wissen wir genau, wann/wo/wie/warum gefährliche Strömungen auftreten. Um ein Zusammentreffen mit diesen zu verhindern, ist es wichtig, die Ankunftszeiten an den heiklen Stellen genau zu planen und dann auch einzuhalten. Darum müssen wir zum Runden des Kapps wiedermal unseren Motor zu Hilfe nehmen, denn der Wind bläst uns auf die Nase...

Danach nur noch kurz Segel setzten, abfallen und ab in die sichere Bucht... schöns wärs! Es schaukelt und macht, dass uns ganz übel wird... und zu allem restlichen Übel bläst der Wind voll in die Bucht und der Schwell findet den Weg auch beinahe ungehindert hinein... Der Wind frischt auf bis zu 6 Beaufort! Zum Glück hält der Anker super. Aber nein, schlafen kann der Skipper so nicht...

Der nächste Morgen bringt keine Besserung! Es bläst eher noch stärker und die Wellen lassen unser Schiff nur so bockig tanzen. An ein Auslaufen ist nicht zu denken. Doch den ganzen Tag wie die Mäuse vor der Katze sitzen wollen wir auch nicht. Wir werfen einen zweiten Anker vor den Bug; das sollte nun auf jeden Fall halten! Nach einer spritzigen Fahrt mit dem Dinghi (Beiboot) kommen wir am Strand an.

Wir marschieren hoch zum Vogelfelsen. Auf einer Ebene brüten viele Skuas. Diese Raubvögel verwenden die gleiche Angriffstechnik wie die Seeschwalben, mit welcher wir ja schon Bekanntschaft gemacht haben. Karin ergreift sich hastig mein Fotostativ als sie 3m neben dem Weg einer dieser Vögel sitzen sieht... Mir ist ein gutes Bild wichtiger als die schnelle Flucht.

Nahe der Basstölpelkolonie essen wir zu Mittag. Es gibt noch selbstgemachte Chicken-Nuggets vom Vorabend. Zusammen mit dem, gelinde gesagt, penetranten Geruch der Kolonie ergibt das ein Geschmackserlebnis der besonderen Art! So stellen wir uns gebratener Papageientaucher vor (der soll auf den Färörer ab und an auf dem Speisezettel stehen.).

Aber was ist denn das: ein Papageientaucher landet keine 5m neben uns im Gras, direkt vor seiner Bruthöhle! Er verschwindet zwar zügig mit seinen drei Fischen darin, kommt aber bald wieder hervor. Es scheint, er geniesse die Aussicht und habe Freude an meiner Kamera. Ich habe auch Freude; so viele Fotos/Sujet habe ich wohl noch nie verschossen...!!! What a day.

Es kommt aber noch besser, den es gibt so viel zu entdecken. Überall herrscht ein munteres Treiben. Und plötzlich, DA, guckt ein kleiner, junger Papageientaucher wohl zum ersten Mal aus seiner Höhle! Einfach toll...

Wir wären gerne länger geblieben, aber die Sorge um unsere JURA treibt uns zum Strand zurück. Zum Glückt liegt sie noch an der selben Stelle, an der wir sie verlassen haben. Nun müssen wir nur noch durch die höher gewordene Brandung vom Strand weg kommen. Gar nicht so einfach... und schwupp... schon sitzt Karin (erinnert ihr euch an ihre Skippendale-Geschichte!!!) bekleidet im Wasser!!!!...*pflutsch* Zum Glück sind Kamera und Feldstecher wasserdicht verpackt, so dass kein Schaden entsteht.

Die Nacht ist zum Vergessen: zwar kommen wir etwas zu schlaf, den wir vertrauen den beiden Ankern vollauf. Aber so irgendwie toll ist das Bauchgefühl nicht... Warum muss es immer so bockig sein, damit es schön ist?

 
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