2014 Schottland II
25.09.2014 Herbstkräfte

Zu Beginn dieses Berichts ein kleines Gedicht von unbekanntem Autor, aber bekannter Aufsagerin:

 

„Herbst – die Blätter fallen von den Bäumen – ein Hund bellt noimen – Herbst!“

 

Ja, hier in Schottland wird es Herbst. Die ersten Stürme künden sich an. Darum haben wir uns in die Sunde zurückgezogen. Irland und die Hebriden wirken wie ein Schutzschild und bescheren uns guten Segelwind, halt bei Hudelwetter. Aber es macht uns so Spass! Wir düsen wieder den Sound of Jura hoch! Unsere JURA ist wieder im Element und cruist bei erstaunlich wenig Seegang ihrem Ziel entgegen. Immer wieder staunen wir über die gewaltige Kraft und Geschwindigkeit des Gezeitenstroms hier. Es sprudelt und wellt aus heiterem Himmel (oder eben, bedecktem Himmel) als würde jemand mit einer grossen Suppenkelle im Wasser rühren. Wir halten die Pinne fest und versuchen den Kurs zu halten.

 

In den nächsten Tagen verlassen wir uns aber mehr auf unsere Kräfte als auf die Kräfte der Natur. Wir machen nochmals eine Kanalfahrt um das Kap von Kintyre zu umfahren. Der Crinan-Kanal ist nur 13 Meilen lang, aber die 15 Schleusen müssen von der Crew von Hand bedient werden. Wir haben gehört, es sei anstrengend! Vielleicht gönnen wir uns ja bei jeder Schleuse ein Tag Pause...

 
27.09.2014 Am langen Hebel

Ach, so eine Kanalfahrt ist toll! Wir möchten euch exemplarisch an der Schleuse 9 zeigen wie das so geht. Ihr könnt euch die Anleitung auch ausdrucken und immer bei euch mittragen, falls ihr mal an eine Schleuse kommt... man weiss ja nie!! Lassen wir nun also mal so ein virtuelles Paar, wir nennen sie hier mal K und S, mit ihrem schönen Schiff, der J, durch so eine Schleuse fahren.


Ausgangssituation: J steht in Schleuse 10 (K & S fahren quasi in die falsche Richtung), die Schleusentore sind offen, alles Bereit für Schleuse 9. J soll am Schluss höher liegen als zu Beginn! Es geht los:


  • K & S laufen zur Schleuse 9
  • Obertore und Schieber sind geschlossen
  • S öffnet die Schieber unten
  • K & S warten, bis die Kammer leer ist
  • K & S drücken je ein grosses Untertor auf. Dazu ist voller Körpereinsatz an den langen Hebeln der Tore gefordert
  • K speedet zurück zu J in Schleuse 10 und fährt sie vorsichtig in die Schleuse 9
  • K wirft die Heckleine zu S -> PFLOTSCH -> hoppla -> nochmal
  • S befestigt die Heckleine
  • K wirft die Bugleine zu S -> PFLOTSCH -> hoppla -> nochmal
  • S befestigt die Bugleine
  • S schliesst mit aller Kraft die Untertore und schliesst die Schieber
  • K & S speeden zurück zu Schleuse 10, denn dort sind ja noch die Obertore offen...
  • K & S schliessen die Obertore von 10
  • Ja, jetzt wird’s spannend! K steigt wieder zu J hinunter
  • S kurbelt an den Schiebern der Obertore uns lässt Wasser in die Schleusenkammner strömen
  • Über ein von S entwickeltes innovatives Leinen-Umlenk-System hält K die Leinen der J über den ganzen Zeitraum dicht
  • Siehe da, J steigt!!!
  • Oben angekommen drückt K & S je ein Obertor auf
  • K fährt J vorsichtig aus der Kammer und parkiert sie oberhalb am Steg
  • S & K schliessen die Tore und die Schieber.
  • Fertig!
  • Apero


So einfach ist das! Und macht wie gesagt viel Spass!



 
30.09.2014 Kanalfahrt

Nach einer unruhigen Nacht an der Boje war das Einbiegen in die Seeschleuse des Crinan-Kanals eine Erleichterung. Wir werden mit zwei anderen Schiffen durch die ersten beiden Schleusen geschleust. Und wir merken; wir werden wohl die einzigen sein, welche nicht „on the hunt“, also auf der Jagt sind. Die Britten versuchen, den Kanal in einem Tag zu befahren um möglichst schnell in ihr Winterlager zu kommen. Wir lassen uns 4 Tage Zeit! So lassen wir die anderen ziehen und geniessen eine gutes Kaffee und eine heisse Schokolade!

Am zweiten Tag ziehen wir weiter zum ersten Flight, einer Aneinanderkettung von 5 Schleusen. Und alle müssen selber von Hand bedient werden! Der Kanal ist teils sehr schmal, oft nur ca. 10m. Zum Glück kommt kein Gegenverkehr. Vor den Schleusen kommen aber noch zwei Brücken, welche durch Angestellte des Kanals, ebenfalls von Hand, geöffnet werden. Um sie dazu zu bewegen muss man „blow the horn“! Das machen wir natürlich und holen unser Alphorn hervor!

Vor dem Flight lassen wir zwei Schiffe (genau, auch sie „on the hunt“) passieren. Die haben sogar ihre „Shore-Crew“ dabei, welche mit Auto und WoMo mitreisen und die Schleusen vorbereiten. Wir schauen zu, wie sie die erste Schleuse meistern. Zum Glück stecken wir da nicht drin! Alles muss schnell gehen. Der Jungspunt am Schieber lässt ordentlich Wasser in die Kammer schiessen! Der Herr an der Vorleine kann sie nicht mehr halten und wird übers Deck gezogen. Der Bug wird nach Steuerbord (ungefendert!) an die Wand gedrückt... autsch... Der Skipper, welcher alles mit einer Tasse in der Hand begutachtet ist "not amused"!

Karin und ich lassen uns Zeit und geniessen den tollen Ort und das Bedienen der Schleusen. So meistern wir die ersten 5 Schleusen ohne Probleme und machen einige Meter höher als am Morgen Feierabend. Das heisst, wir schnüren die Wanderschuhe und machen eine „kleine“ Runde. So ist sie jedenfalls auf der Karte eingezeichnet. Schlussendlich sind wir beinahe 3 Stunden unterwegs. Dafür führt der Weg durch einen wunderschönen Wald und wir sehen gelbe Schafe!!! Kein Scherz!

Sonntag ist Ruhetag. Also für die Angestellten des Kanals. Und weil die die Brücken bedienen müssen, kommen auch wir nicht weiter. Wir wollen den anderen Wanderweg ausprobieren. Merken aber bald, dass es uns auf dem Weg nicht gefällt. Und zudem beginnt es zu regnen... Wir verkriechen uns in unserer JURA und verbringen den Nachmittag mit spielen.

„Runter“ geht es ganz einfach und für uns fast zu schnell! Flutsch, schon werden wir wieder ins Salzwasser gespült. Wir segeln nur kurz in eine nahe Bucht, merken aber dass wir noch irgendwie im Kanalmodus sind...

 
03.10.2014 hügelige Bussfahrt

Windige Tage sind vorausgesagt für die britischen Inseln. Wir suchen uns in der Bucht von Brodick auf Arran eine Boje und hoffen genügend geschützt zu sein.

Erst aber ist das Wetter noch topp und wir wandern in die nahen Berge. Am Anfang freuen wir uns über einen einzelnen Fasan. Ah, da ist noch einer... dort noch vier... Plötzlich sind es 10. Am Schluss zählen wir auf einer einzigen Wiese über 30 Fasane.

Die Nacht wird erwartungsgemäss windig. Sehr windig sogar. Wir können nicht so recht schlafen, es drückt und von einer Seite auf die andere, weil das Schiff ganz ordentlich krängt. Ich mach mal einen kurzen Kontrollgang übers Deck und Messe die Windgeschwindigkeit: 7bf, in Böen auch mal 8... Zum Glück haben wir 3 Leinen zur Boje gelegt. Gegen morgen erst lässt der Wind nach und wir finden noch etwas Schlaf.

Der heutige Tag ist vor allem eines; regnerisch! Nichts mit wandern also. Darum studieren wir den Busfahrplan und kurven quer über die Insel. Die Küstenstrasse ist sehr toll; es geht auf und ab, links, rechts... ein hin und her. Aber unsere Fahrerin hat ihre Sache im Griff und bringt uns am Abend sicher zurück nach Brodick. Wir finden sogar unsere JURA im dunkeln auf Anhieb...


 
04.10.2014 Zum letzten Mal...

... für diese Saison ...

  • ... machen wir alle Luken dicht und Seeventile zu
  •   ... verstauen alles seefest
  • ... packen wir die Segel aus
  • ... lösen die Leinen (es sind aufgrund der Starkwindes deren drei), von der Boje
  •    ... rollen wir die Genau aus
  • ... singt Marco Pfeuti irgend etwas von „Hätti Flügu zum flügä...“
  • ... diskutieren wir, ob es nicht sinnvoll wäre, den Motor zu Hilfe zu nehmen.
  • ... halsen wir.
  • ... erklingt Peter Reber aus dem Boxen.
  • ... bergen wir das Segel.
  • ... funken den Hafen an und bekommen keine Antwort.
  • ... funken die Marina an und bekommen sofort Antwort
  • ... machen unsere SOUND OF JURA am Steg fest
  • ... machen wir den Motor aus.

Zum ersten Mal wehen alle Flaggen der besuchten Länder im Vorstag. Es sind deren sieben! Ja, der Herbst ist da. Stürmische Winde kündigen sich an. Es ist Zeit nach über 2500 Meilen die Segel zu bergen. Die SOUND OF JURA und die Crew verschwinden nun im Winterschlaf und freuen sich sehr auf nächste Saison! Im Gepäck Erlebnisse eines Segelsommers, die für immer in Erinnerung bleiben werden.

Over and out!