2015 Schottland IV
05.06.2015 Und los!

Siehe da, endlich zeigt sich in der Wetterprognose ein Fenster von ca. 30h mit segelbaren südlichen Winden (danach soll es wieder so fest blasen, dass an segeln nicht zu denken ist). Wir beschliessen dieses Fenster voll zu nutzen und so weit als möglich nach Norden zu gelangen.

Mittags um 12 legen wir los und hoffen, am nächsten Mittag 100 Meilen weiter „oben“ zu sein. Zum ersten Mal seit wir unterwegs sind können wir auch 24h lang mit der gleichen Besegelung unterwegs sein. Kein Reffen, kein Motoren, einfach segeln. Rundherum ist es zwar grau in grau und es nieselt ab und an. Man muss es irgendwie schon mögen, hier oben.

Dafür werden wir am Morgen von Grossen Tümmlern begrüsst. Zwei Junge und 4 Erwachsene spielen um unser Schiff und schwimmen in der Bugwelle. Bereits morgens um 8 machen wir an einer Boje vor Kilchoan fest, wir sind also vier Stunden schneller als erwartet. Ab ins Bett um einige Stunden zu schlafen bevor wir die Gegend entdecken wollen.

 
06.06.2015 verlorener Tag

Eigentlich ist der Schreiber der Meinung, dass es keine „verlorene Tage“ in dem Sinne gibt. Falls doch, dann ist der 06.06.2015 definitiv einer davon!

Wir liegen also an der Boje von Kilchoan und erfreuen uns am schönen Platz. Aber kann uns einer erklären, warum wir eine Bucht gewählt haben, die nach Süden offen ist, wenn für die nächsten 24 Stunden Sturm aus Süd angesagt ist? Nur weil das Hafenhandbuch von einer „ruhigen Ankerbucht“ spricht?

Nach dem Nachtessen realisieren wir unsere missliche Lage. Eiligst versuchen wir eine dritte Leine zu unserer Boje zu legen. Das Vorhaben scheitert aber, weil der Skipper im Dinghi vom Bug unsers Schiffs beinahe erschlagen wird. Abbruch, die beiden Leinen müssen einfach halten!

Und so erleben wir die Unruhigste der unruhigen Nächte. Es ist kaum auszuhalten, ans Schlafen ist gar nicht zu denken.

Der ganze 06.06. geht so weiter. Der Wind dreht zum Glück etwas und die Wellen sind nicht mehr ganz so hoch, aber wir können das Schiff nicht verlassen. Es wäre einfach zu gefährlich mit dem Dinghi an Land zu fahren.

So verkriechen wir uns in unserer Koje und machen uns Gedanken. Gedanken zu den unzähligen Buchten die innerhalb von 10nm liegen und wunderbar geschützt wären. Wären...

 
08.06.2015 Catch and release

In Tobermory schnappen wir uns die vorderste Boje und geniessen die Aussicht auf das farbige Städtchen. Der neuste Touri-Attraktions-Hit: das erste „Catch and release“-Aquarium Europas. Das heisst, die Bewohner sind auch nur zu besuch und werden nach 4 Wochen im Aquarium wieder frei gelassen. Ein interessanter Ansatz, wobei wir nicht ganz sicher sind, ob sich ein Seestern auch für vier Wochen gerne streicheln lässt. Das ganze ist sehr interessant aufgemacht und gut gestaltet, so dass wir uns über eine Stunde in dem kleinen Raum aufhalten und die kurligen Lebewesen von nahem betrachten. Also wir findens toll, hoffenlich die Aquanauten nach dem Release auch...

 

 
11.06.2015 Grosse Bühne

Wir haben ja schon Papageientaucher an verschiedenen Orten beobachten dürfen: Auf Runde in Norwegen sind sie scheu und verschwinden unverzüglich in ihren Höhlen (so wie Norweger halt so sind!). In Shetland posieren sie gerne, jeder für sich. Was wir aber nun auf den Treshnish Isles vor Mull angetroffen haben, ist eine andere Dimension: auf der Insel Lunga hat es eine ca. 200m lange „Freiluftbühne“ auf der hunderte Papageientaucher posieren. Und das Puplikum sitzt nicht etwa auf den hinteren Rängen, nein, sie sind sozusagen mittendrinn. Denn die kleinen Superstars watscheln unverfroren zwischen dem Publikum hin und her. Denn schliesslich wollen sie ihre Erdhöhle mit dürren Grashalmen ausstaffieren, damit sie bald ihr Ei darin ablegen können.

Ihr könnt euch vorstellen, dass die SOUND OF JURA-Crew einige Stunden bei den kleinen Strolchen verbracht hat.

Und weil es auf Lunga so schön ist, haben wir gleich nochmals einen Tag lang die Insel zu Fuss erkundet. (Nur so nebenbei: unser Schiff liegt währendessen vor zwei Ankern. Denn die Ankerbucht wird von den Gezeiten stark durchströmt und so wechselt die Zugrichtung alle 6 Stunden) Wir entdecken neben weiteren putzigen Papageientaucher eine grosse Kolonie von  Trottellumen und Tordalken. Bei ihnen geht es weit weniger gesittet zu als bei den Papis. Sie drängeln sich dicht beieinander an einem Felsen knapp über dem Abgrund. Es ist so lauf wie bei einem Verwandtschaftstreffen der Skipper-Familie und es stinkt schlimmer als ein Fischmarkt. Die Mütter versuchen, ihr einziges Ei mit den Füssen vor dem Absturz zu bewahren, währen mutige Männer mit einem Fisch im Schnabel sich den Weg durch die Meute zu ihren angetrauten suchen. Einfach toll dem bunten Treiben zuzusehen!

 
17.06.2016 klein Muck

Nach einer ruhigen Nacht vor Anker setzten mit den Dinghi über nach Muck. Wir wollen uns nur kurz umsehen, den wir müssen weiter, morgen ist Starkwind angesagt.

Muck ist die kleinste der sogenannten „Small Isles“ und ihre einzige Strasse ist keine 2km lang. Es würde uns nicht erstaunen, wenn Lukas mit seiner Dampflok um die Ecke getuckert käme und Frau Waas einen kleinen Dorfladen führen würde. Lummerland lässt grüssen! Die ganze Insel gehört auch einer Familie, welche bestimmt, wer auf der Insel wohnen darf.

Auf dem kurzen Weg hören wir einen Wachtelkönig und sehen ein Rothuhn. Arten, die nur noch sehr selten sind. Im netten Kaffee treffen wir drei Kajaker und kommen ins Gespräch. Gerne würden sie mit uns im Guesthouse Nachtessen. Wir sagen aber ab, denn wir müssen ja weiter.

Auf dem Heimweg rekapitulieren wir kurz: die Bucht scheint gut geschützt, es gibt viel zu entdecken und die Leute sind freundlich. Also beschliessen wir spontan, dass wir den Starkwind hier aussitzen. Wir melden uns zum Nachtessen im Guesthouse an.

Also wir dann aber gegen halb sieben unser Schiff verlassen wollen, pfeift es mit 7bf durch die Bucht. Es hat aber kaum Wellen und falls unser Aussenborder uns im Stich lassen würde, würde noch ein Schiff hinter uns liegen, an dem wir uns festhalten könnten bevor wir auf den offenen Ozean treiben würden. Zur Not nehmen wir aber trotzdem noch das Handfunkgerät mit.

Am Tisch trifft sich eine illustere Runde. Der Reihe nach sitzen da: „A“ (Fischfarmer in Ausbildung, früher Schafffarmer auf Collonsay, möchte die Farm zu einem Camping umbauen, hat aber Probleme mit dem Architekten aus London, weil der die Kapazität des Wastwatertanks nicht berechnen kann. Verdreht immer ganz komisch die Augen), „B“  (Fischfarmausbildner, also nur in Sachen Bootshandling, hört nicht gerne wenn „A“ Geheimnisse aus dem Business erzählt ), „C“ (Skipper eines Schweizer Segelschiffs, mag Emmentaler nicht so), „D“ (Kajakerin, ist heute knietief  im Morast versunken, mag das Baur au Lac in Zürich, in dem Sie mit „G“ wegen seiner Geschäfte abgestiegen ist), „E“ (Kajaker, hat kaum ein Wort erzählt), „F“ (Skipperin eines Schweizer Segelschiffs, mag Emmentaler nicht so), „G“ Kajaker (im Goldgeschäft tätig, darum siehe „D“) und „H“ (ein Geistlicher, der für einige Tage in diesem Guesthouse zu sich kommen möchte.)

Gespiesen haben wir sensationell: erst Pilzsuppe, danach Ente aus den eigenen Garten oder gefüllter Schweinemagen aus den eigenen Stall. Und das Dessert war auch super!

Wir führten einige spannende Diskussionen. Wie sich im Nachhinein herausgestellt hat, haben „C“ und „F“ den Inhalt nicht gleich verstanden oder interpretiert. Aber war trotzdem spannend.

Den Starkwindtag haben wir gut ausgesessen, wenn auch der Schwell in den Stunden des Hochwassers immer in die Bucht gedrückt hat. Aber wir sind es uns ja langsam gewohnt, durchgeschüttelt zu werden (wobei am Anker sind die Bewegungen viel weicher als an einer Boje.).

 
18.06.2015 Wir stinken!

10°C und Nieselregen, bald ist Mittsommer in Schottland! Unsere SOUND OF JURA pflügt unter Fock1 und Gross2 mit 6.5kn durch 2m hohe Wellenberge und eben so tiefe Täler. Wir fahren nach Mallaig. Nicht dass wir nach Mallaig wollen, nein wir müssen!

Vor genau zwei Wochen sind wir aus Ballycastle ausgelaufen. Uns kommt es vor wie eine Ewigkeit. Unsere Wasser- und Lebensmittelvorräte neigen sich dem Ende entgegen, vielleicht ist sogar bald die Gasflasche leer. Aber es gibt nur einen richtigen Grund warum wir Mallaig anlaufen: wir stinken!

Wir stinken nach Angstschweiss von zwei Sturmnächten an der Boje von Kilchoan, wir stinken nach Papgeientaucherkott von den Trashnish’s, nach Kuh- und Schafsdung von Muck. Es ist ja nicht so, dass wir uns keine Reinigung gegönnt hätten (nur die 3.5Fr. pro Person für eine Dusche in Tobermory sind uns einfach zuviel!): mal eine kurze Kaltdusche auf der Badeplattform (warum heisst das Ding eigentlich so?), oder eine Schüssel mit heissem Wasser um die Haare zu waschen liegt alle mal drin. Nur einfach so eine richtige Dusche ersetzt das nicht!

Wir freuen uns, noch 9.1 Seemeilen bis Mallaig! Wir gehen davon aus, sie riechen uns bereits kommen.

Aber schon bald werden wir wieder stinken: es ist der Duft des Abenteuers, den wir suchen und der uns bei diesen Bedingungen in Schottland segeln lässt.

 
20.06.2015 MallNEINg

Mallaig ist bereits zum zweiten Mal eine Enttäuschung: im letzten Jahr haben wir das Dörfchen mit dem Touri-Falle-Harry-Potter-möchte-gern-die-schönste-Bahnstrecke-der-Welt-Dampf-Zug besucht und waren enttäuscht.

In dem Jahr statten wir dem Mekka der Pauschaltouristen mit unserem Schiff ein Besuch ab, denn wir wollen ja duschen und waschen.

Nur, die Sanitärgebäude, welche  gemäss Handbuch seit 2012 eröffnet sind, werden „in 6 Wochen“ eröffnet. Nichts mit Duschen nach unserer Ankunft also... (siehe Bericht vom 18.06.2015)

Am nächsten Tag können wir trotzdem fliessendes Wasser über unsere Körper prasseln lassen. Im Seemannsheim, für schlappe 2.5 Pfund. Beinahe 4 Fr.!!!!

Für die Wäsche verlangten sie von den Seefahrern 12 Pfund (rechne selbst). Unsere Wäsche ist noch nicht sauber...

 
22.06.2015 Jeder darf ein Mal

Eigentlich hätten wir Canna gerne einen Besuch abgestattet, aber heute sind wir an der Insel einfach vorbeigedonnert. Trotzdem möchte ich euch die Insel in einem Bericht nicht vorenthalten. Es geht dabei um unser Küstenhandbuch, welches wir dazu verwenden, unsere Ankerplätze zu suchen.

Ehrlich gesagt, finden wir die Handbücher von Martin Lawrence nicht wirklich toll. Die Beschreibungen sind als würde man zu Grossvaters Zeiten mit dem Handlot in Buchten fahren und die Bilder sind entsprechend, manche von 1986, andere sogar in Schwarz-Weiss.

Bei der Beschreibung der Bucht von Canna hat der gute Mann aber Humor bewiesen. Er schreibt (Zitat: The Yachtsman’s Pilot, Skye and Northwest Scotland, Martin Lawrence, 3th Edition):

„There is enough weed (Tang, der Redaktor) on the bottom for new arrivals to provide plenty of entertainment for those already securely anchored“

Der Autor hat aber leider nicht mitbekommen, dass sinnvollerweis nun Besucherbojen ausliegen, so dass die Nerven der Skipper und vorallem die Natur geschont werden.

 
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