2015 Schottland III
01.05.2015 Fertig Winterschlaf

Sie schwimmt wieder! Geduldig hat sich unsere SOUND OF JURA den Winter über hier in Ardrossan aufgehalten.  Sie hat das ganze soweit gut überstanden. Nur die Wohnraum-Batterien konnten wir leider nicht mehr aus dem Winterschlaf wecken (im Gegensatz dazu ist die Starterbatterie noch voller Energie). Sie sind dem qualvollen Kältetod erlegen. Bei den Reanimierungsversuchen haben sie auch noch das Ladegerät in die ewigen Elektroschrottgründe gezogen. Schade, but „money solves the problem“... und unsere Bordkasse hat bereits ein Loch...

Aber jetzt läuft alles tip top. Ja wir haben das Gefühl, alles ist noch besser als im Vorjahr. Ein neues Zwischenstück im Rigg (so nennt sich der Mast mit allen Drähten und so) lässt den Mast nun leicht nach hinten stehen (nicht so schrecklich nach vorne wie im letzten Jahr), und die viele Farbe, welche wir noch im Herbst verpinselt haben, lässt unser Schiff in der Sonne strahlen und gleichzeitig das Regenwasser gut abperlen (wir sind in Schottland, da holt man sich während man im Regen steht einen Sonnenbrand! Kein Scherz!!!)


Würde heute am ersten Mai hier die schönste Kuh im Stall (respektive im Hafen) gewählt, ja unsere JURA hätte Chancen auf einige Awards: nicest steel boat, nicest swiss boat, nicest hull color, ... nur für den Sieg over all wird es wohl nicht reichen. Der bekommt wohl die neue OCEANIS 35. Wirklich ne hübsche!

 
02.05.2015 Moderne Töfflibuäbe

Heute nehmen wir uns unserem Aussenborder an. Am Ende der letzten Saison wollte er schon nicht mehr so richtig. Auch jetzt lässt er sich nicht dazu bewegen, unser Beiboot zu bewegen. Das wollen wir ändern. Nur wie? Denn der einzige Fehler in der Erziehung von uns beiden ist, dass wir noch nie ein eigenes Töffli gehabt haben (Papa fährt jetzt ja auch so einen mordernen Ü-50-elektro-Tretter...). Der Skipper könnte zwar den Wirkungsgrad und so berechnen, doch wie so ein Zweitakter im Detail aussieht, weiss er auch nicht so recht.

Zum Glück sind wir ja beinahe-digital-natives und so starten wir als erstes den Computer. Aha, wir sind nicht die Einzigen mit diesen Symptomen. Das Forum tippt auf einen verschmutzen Vergaser.  Also schauen wir auf Youtube, wie dieser gereinigt werden kann. Voller Tatendrang geht’s dann ans Werk. Der Benzinschlauch will zwar nicht weg, aber das hat seinen Grund und darum lassen wir ihn dran. Ja und dann schrauben wir. Da und dort. Und hoffen, dass wir dann alles wieder zusammen bringen.


Aber eigentlich ist es gar nicht so schwer, bald haben wir alle Teile ausgebaut und gereinigt. Beim Zusammenbauen verläuft planmässig. Normallerweis sind beim Skipper bei solchen Sachen immer einige Schrauben übrig (Kostenoptimierung!), aber wir können alles verbauen.

Alles sauber entlüften und dann bauen wir das Ding an unser Dinghi. Brummmmmmmm... läuft wie geschmiert... der Skipper dreht sofort einige Runden im Hafenbecken. So wie eine Töfflibuäb das halt macht!

 
04.05.2015 Kanaribische Zeitverzögerung

Wir haben momentan gerade kanadisch-karibische Verhältnisse (nicht auf das Wetter bezogen!):

- Motor-Mechaniker: „Sorry, heute nicht. Eventuell morgen...“

- Rigg-Trimmer: „Sorry, heute nicht. Eventuell morgen...“

- Autopilot-Versender: „Sorry, heute nicht. Hoffentlich Ende Woche...“

So fühlen wir uns etwas ausgebremst, sozusagen ohne Wind in den Segeln. Wir versuchen aber das Beste daraus zu machen. Bei Huddelwetter (gestern) bleiben wir in unserer kuschligen Kabine und spielen die eine oder andere Partie „Genial“. Bei Sonnenschein (heute) schauen wir Hafenkino oder ergänzen unsere Vogelbeobachtungsliste mit vier in diesem Jahr zum ersten Mal beobachteten europäische Arten (Nr. 57: Steinschmätzer; Nr. 58: Brandgans; Nr. 59: Steinwälzer; Nr. 60: Bluthänfling).


Das positive: unsere eigene to-do-Liste auf dem Schiff ist beinahe leer, eigentlich ein fast unmöglicher Zustand auf einem Segelschiff. Wir sind/wären ready to go!

 
05.05.2015 Heute?

„Sorry, heute nicht. Eventuell morgen...“


 
08.05.2015 Los geht’s

So, jetzt haben alle unserem Schiff ihren Besuch abgestattet: der Rigger hat das Rigg getrimmt und der Maschinenmechaniker alle Filter und den Impeller gewechselt. Wir hätten das auch selbst machen können, bevorzugen es aber, wenn zu Beginn der Saison ein Profi ein Auge auf unsere JURA wirft und bestätigt, dass alles ok ist. Und weil das viele hier im Hafen so möchten, hat es etwas länger gedauert als erhofft (aber nicht länger als erwartet.).

Jetzt aber legen wir ab für unsere zweite Segelsaison im Norden Europas. Rasch noch auftanken, der Marina-Crew goodbye sagen und dann „leinen los!“. Aber genau in den Moment, in welchem wir vom inneren in den äusseren Hafen laufen, geht das rote Licht über dem Kontrolltower an: der Hafen ist für die Sportschifffahrt gesperrt, weil die Fähre auslaufen möchte. Nach einem kurzen Blick zum Lotsen winkt er uns aber durch und lässt uns passieren.

Draussen setzen wir die Segel, was im Gegensatz zur ersten Ausfahrt im letzten Jahr ohne Probleme funktioniert. Dafür stellt der Wind umgehen ab. Wir treiben sozusagen mehr auf unser Tagesziel hin, als dass wir segeln. Der Skipper stellt aber seinen Vorsatz (mehr Geduld!) für die neue Saison zum ersten Mal unter Beweis und lässt den Finger vom Motorenschlüssel. Wir werden belohnt: der Wind kommt wieder und lässt uns einen herrlichen Segeltag erleben. Immer wieder tauchen Meeressäuger auf (vermutlich Schweinswale (Harbour Porpoises)) und zwei verschiedene Alken-Arten sehen wir in dieser Saison das erste mal.

Vor Brodick auf der Insel Arran schnappen wir uns eine freie Boje (es sind alle frei bis auf eine. Den Segler an derselben bestraffen wir aber nur mit einem bösen Blick, da er die selbe Strecke wie wir nur unter Motor gelaufen ist.) und freuen uns über das Erreichte. Gerne hätten wir hier diesen Bericht abgeschlossen, aber es hat nicht sollen sein.

Denn kurz nach den Nachtessen beginnt es plötzlich und unangekündigt kräftig zu blasen. Und dies genau aus der Richtung, in der die Bucht zum Meer hin offen ist. Es bilden sich kurze, steile Wellen, welche aus allen Richtungen an unserem Jüreli rütteln. Es ist, als würde die Panta Ray endlose Runden um uns herum fahren. Unser Schiff bockt und schaukelt, dass einem ganz anders wird.  Der Bug taucht mehrere Male vollständig ins Wasser ein. Im Schiff ist es so richtig ungemütlich, sodass es nur eines gibt: so schnell wie möglich in die Koje.  Unsere Bugkoje entpuppt sich als „Weltraum-Koje“: immer wieder ist man für einen kurzen Moment schwerelos und gleitet der Decke entgegen, nur um nach zwei Sekunden wieder auf der harten Matratze der Realität zu landen. Der Skipper schläft nicht, und die Skipperin nur zwei ruhigere-unruhige Stunden.  Sie brummelt etwas von „brumm-brumm-brumm“. Wahrscheinlich träumt sie von unserer nächsten Reise! Weil so ein Campingbus, der steht still in der Nacht...

 
10.05.2015 Slow Food

Wir sind in Girvan gelandet, einem kleinen hübschen Hafen, mit vielen Leuten, die über unser Boot diskutieren möchten (Wir freuen uns darüber, planen nun aber immer 30min Extra zum Verlassen des Bootes ein...). Weil ein Tief das nächste jagt, hangen wir hier wohl für einige Tage fest. Seis drum, uns wird nicht langweilig.

Gestern nach dem Einlaufen haben wir gesehen, dass heute im Nachbarort, 15min südlich von hier, eine Food and Drink Festival statt findet. Das möchten wir uns natürlich nicht entgehen lassen.

Nur wie kommen wir dahin? Zuversichtlich stellen wir uns an die Busstation. Leider fährt aber kein Bus nach Ballatrae. Per Zufall hören wir aber, wie eine Frau einen Mann fragt, ob hier der Gratisbus zum Festival fährt. Wir sind also per Zufall zur rechten Zeit am rechten Ort. Wir fahren der schönen Küste entlang zum Festival.

In Ballatrae steht ein grosses Festzelt an der windgepeitschten Küste, davor eine lange Reihe von Leuten, die geduldig auf Einlass warten. Hier sind wir wohl richtig, wo so viele Leute sind muss es wohl etwas gratis geben...

Im Zelt präsentieren dann verschiedene lokale Anbieter ihre Köstlichkeiten. Leider kann man aber nicht so viel probieren. Auf einer Showbühne wird gekocht und ab und zu spielt eine Band auf. Karin bestellt sich einen Afternoon-Tea mit Süssgebäck, welcher wunderschön auf einem dreistöckigen Tellerturm präsentiert wird (natürlich darf Stefan auch etwas davon naschen.).  Zur Freude des Skippers werden neben den vielen Delikatessen auch einfache Rhabarbern angeboten, welche wir am Abend zu einer feinen Wähe verbacken. So lecker und schön kann ein Sturmtag sein!

 
11.05.2015 Culzean Castle

Eigentlich wäre das Wetter super, nur draussen bläst es noch immer mit bis zu 8Bf. Wir bleiben im erstaunlich ruhigen Hafen und machen Ausflüge in die Gegend. Heute zum Beispiel zum Schloss Culzean, welches wir bei der Hinfahrt an der Küste gesehen haben. Es stellt sich heraus, dass das Schloss eines der wichtigsten Kulturdenkmäler Schottlands ist. Wieder hat uns also der Wind zum richtigen Ort gebracht.

Zwischen zwei Gruppenführungen eingeklemmt erkunden wir das Schloss der Schottischen Kennedys (nicht zu verwechseln mit der Irischen Dynastie, welche später den Amerikanischen Präsidenten gestellt hat). Wir drücken den Altersdurchschnitt der Besucher um 0.2 Jahre auf geschätzte 74.3 Jahre...


Im grossen Park vertreten wir uns die Füsse und gönnen uns am Schwanensee ein Kaffe, respektive ein Eis. Denn der Skipper muss einen kleinen Schock herunterkühlen: sein schönes Fotoobjektiv ist aus ca. 50cm Höhe der Schwerkraft gefolgt. Zum Glück hat nur der UV-Filter ein Sprung, das Objektiv selber scheint unbeschadet. Nur lässt sich der Filter nicht mehr lösen und muss am Abend qualvoll mit Säge und Feile demontiert werden...