2015 Nordirland II
14.05.2015 Vom Affe gebissen!

Dreissig Meilen stehen im Logbuch, weitere sechzehn kündet das GPS bis zu unserem Tagesziel an. Da steht Karin am Kartentisch und realisiert: „Sind mir eigentlich vom Aff bisse?!“

Die letzten vier Tage, welche wir in Girvan aufgrund von Starkwind und Flaute gewartet haben, müssen in unseren Köpfen irgend etwas durcheinander gebracht haben. Denn normalerweise planen wir Tagestouren von ungefähr zwanzig Meilen (echte Langfahrtensegler nennen uns darum auch Meerbeckenrandsegler). Wenn wir einen super Tag erwischen, knacken wir manchmal die magische dreissig Meilenmauer. So wäre es auch vernünftig gewesen, die Strecke vom Schottischen Girvan zum Nordirischen Karrickfergus in der Bucht von Belfast in zwei Tagesetappen zu unterteilen. Wir haben uns bei der Vorbereitung der Etappe aber nur vollkommen auf die Windprognose und die Gezeitenberechnung fokussiert. Denn im North-Channel zwischen Schottland und der Irischen Insel strömen die Gezeiten mit bis zu 3kn. Da sollte man wieder zur rechten Zeit am rechten Ort sein, weil sonst ergibt sich wieder das sogenannte Stillstandssegeln, welches wir auch schon praktiziert haben, aber nicht wirklich mögen... Die Gesamtstrecke haben wir aber nie gemessen, oder beachtet. Und so kommt es, dass wir eine Tagesetappe planen von 46 Meilen, ohne es zu merken.

Der Beginn verläuft vielversprechend. Mit einem Reff in der Fock und deren zwei im Gross geht unsere JURA bei 6Bf ab wie eine Rakete! Unsere Gute braucht einfach ordentlich Druck in den Segeln, dann zieht sie ihre Siebenmeilenstiefel an.

Zwischenzeitlich haben wir über eine halbe Stunde Vorsprung auf unseren Fahrplan und müssen bremsen, um nicht zu früh im North-Channel zu sein. Wir sind aber guten Mutes, denn so macht Segeln einfach Spass. Richtig Wind, ordentlich Speed und schönes Wetter.


Plötzlich ist aber der Druck in den Segeln weg. Er weht noch, aber zu schwach um JURA durch die Wellen des North-Channels zu schieben. Alles vergrössern der Segelfläche und trimmen nützt nichts, wir kommen nicht auf die erforderliche Sollgeschwindigkeit. Motor an...

Und so kommen wir Abends um halb neun in Karrickfergus an. In der Marina drehen wir dann noch etwas verloren unsere Runden. Ein Schwimmbagger versperrt den Weg zu den Gästepontoons. Aber dafür sind die Regattasegler, welche nach Hause kommen sehr freundlich und winken uns zu: „We like the Pömmpel on your nice Mütze...“

 
16.05.2015 Neues Crewmitglied

Regelmässige Webseitenbesucher mögen sich erinnern, dass wir im letzten Jahr auf die Hilfe eines weiteren Crewmitglieds zählen konnten. Henric, unser Autopilot, hat uns über viele Stunden an der Pinne unterstützt. Leider hatte Henric ja auf der Überfahrt von Fair Isle nach Inverness ein plötzliches Stromversagen und konnte trotz Operation an der offenen Elektronik nicht reanimiert werden.

Wir haben dann ja noch im letzten Herbst unseren treuen Begleiter in eine spezialisierte Klinik in Holland geschickt um ihn dort untersuchen zu lassen. Von dort kam der überraschende Bescheid, dass alles ok sei und sich der Patient wieder auf dem Weg zu unserem Schiff im Winterlager in Ardrossen befindet. Wir haben die Marina-Crew gebeten, den Patienten zu empfangen und nach Hause in seine Koje zu bringen.

So waren wir nun in diesem Frühjahr sehr überrascht, Henric nicht auf dem Schiff vorzufinden. Nach langen Recherchen hat sich herausgestellt, dass er genau an dem Tag Ardrossan erreicht hat, an dem wir abgereist sind. Nur konnte sich niemand mehr von der Marina daran erinnern, wo das Packet hingekommen ist...

So kamen wir leider nicht darum herum, einen neuen Pinnenpiloten zu bestellen. Anstatt nach den versprochenen 3-5 Tagen hat uns gestern nun das Packet mit Henric jun. nach gut 15 Tagen erreicht.  Er hat sich sofort eingegliedert in unser Team und sich nützlich gemacht...


 
16.05.2015 Black and White

Unser Besuch von gestern in Belfast hat uns sehr nachdenklich gestimmt. Wir haben viel gelernt über die Geschichte Nordirlands. Wir haben auch gesehen, wie die ganze Problematik zwischen „Gut“ und „Böse“ weiterhin den Alltag bestimmt. Riesige Mauren trennen Wohnquartiere und prägen das Leben der Einwohner.

Das alles passt so gar nicht zu den äusserst freundlichen Nordiren, denen wir hier schon begegnet sind. Davon zeugt auch unser heutiges Erlebnis:

Wir ziehen los, um nach Whitehead zu wandern. Das Dorf haben wir bei der Einfahrt in die Bucht von Belfast entdeckt. Die farbigen Häuser an der Küste machen einen einladenden Eindruck. Leider finden wir keinen schönen Weg der Küste entlang nach Whitehaed und laufen daher etwas ziellos durch das Nachbardorf von Cerrickfergus. Wir fragen einen älteren Herrn, der seine beiden Hunde ausführt, nach dem Weg. Es gäbe leider keinen schönen Wanderweg nach Whitehead und zudem sei es recht weit zu Fuss bis dorthin, sagt er. Wir verabschieden uns und wandern weiter. Keine fünf Minuten später hält ein Auto neben uns, mit dem älteren Herrn am Steuer (die Hunde wohl zuhause). Er fahre uns nach Whitehead, sagt er uns!

Schneller als erwartet sind wir also im farbigen Whitehead und haben Zeit um zum weissen Leuchtturm Blackhead zu wandern. Der Klippenweg ist zwar gesperrt, aber das scheint niemanden zu interessieren und so entdecken auch wir die Höhlen und Klippen unterhalb des Leuchtturms.

 
20.05.2015 Glenarm

Im Rhythmus der Tiefdruckgebiete und der Gezeiten segeln wir wieder nordwärts. Wir machen Rast in Glenarm und sind nicht traurig, dass es erst in ein paar Tagen weiter geht. Das kleine Dorf gefällt uns auf Anhieb; ein schmuckes Schloss, ein toller Wald, ein schönes Cafe. Mehr brauchen wir nicht.

So verbringen wir schöne  und abwechslungsreiche Tage in unserem eigenen Ryhtmus. Besonders angetan haben uns die vielen Gryllteisen, welche in der Hafenmauer hausen. Sie verhalten sich ähnlich wie die Papageientaucher und sind einfach wunderbar zum beobachten. Und wird so mancher „Film“ verknipst. Zum Glück leben wir im Zeitalter der Digitalfotografie...

 
21.05.2015 Die Sache mit dem Korken

Wir sind bettfertig. Noch kurz die Vogelliste nachführen, einige Fotos aussortieren und dann ab in unserer Kuschelhöhle. Da klopft es am Rumpf und der Eigner einer OCEANIS 38 (genau, der grosse Bruder der schmucken 35erin aus Ardrossan) lädt uns zu einem Drink ein. Gerne schauen wir bei Paul und Brenda vorbei.

Auch im inneren überzeugt das neue Schiff. Der helle offene Innenausbau entspricht uns sehr. Und die Eigner sind sehr lustig und freundlich. So wird bei der einen oder andern Flasche Rotwein der Korken entfernt...

Das Problem: beide Paare wollen morgen mit der Gezeit auslaufen. Nur sind wir im Vorteil, der Nordstrom beginnt nachmittags um 2, die Tide für die WARDANCE morgens um 6... Die Armen!

Wobei wir uns solidarisch zeigen und unsere Jacken auf ihrem Schiff vergessen und so auch morgens um 6 auf müssen um sie abzuholen... Wir freuen uns dabei über den Lachs, welche die beiden auf unser Deck gelegt haben. Thank you!

Würde man zur rechten Zeit (eben Mittags um 2) in Glenarm den Korken unserer Weinflasche ins Wasser werfen, er würde nach Rathlin reisen. Genau, wir wagen uns wieder nach Rathlin, auch nach unseren Erfahrungen aus letzten Jahr. Und so geht unsere Reise weiter wie die Post. 6kn Fahrt durchs Wasser, 9kn über Grund. Mega!

Und dann kommt wieder die Schlüsselstelle, an der wir letztes Jahr beim ersten Versuch kläglich gescheitert sind.  Aber sollte alles kein Problem sein, der Strom ist mit über 4kn mit uns. Wir müssen aber aufkreuzen, weil der Wind genau aus der Engpassage kommt. Das führt dazu, dass unser Bug 90° zu unserer Fahrtrichtung über Grund zeigt. Halt wie ein Korken im Fluss... Wir denken, alles ist überstanden, als der kleine Süd-Leuchtturm querab liegt. Denkste! Plötzlich bäumen sich vor uns 3m hohe, brechende Wellen auf! Wo kommen die plötzlich her? Die sollten viel weiter innen sein. Wir sind doch in der Mitte der Engstelle. Es gibt aber kein Entkommen. Wir müssen da durch. Das Wasser sprudelt, kocht, spritzt und macht. Die Wellen überspülen das ganze Deck. Nur dank unserm festen Aufbau kommen Karin und ich trocken durch. Wow.  Diese Gezeiten sind einfach etwas unvorstellbar kräftiges.

Nun liegen wir also wieder in Rathlin und geniessen die Seehunde direkt neben dem Steg. Schönes muss sich halt oft hart erarbeitet werden...

 
24.05.2015 Paar-Paar

Viel früher als erwartet steht unser Besuch am Steg.  Wir sind noch mit Einkaufen beschäftigt und sind überrascht Jacky und David bereits jetzt anzutreffen. Die beiden trauen sich eine Woche mit uns zu verbringen. So quasi ein Paar-Paar-Beziehungstest auf engstem Raum. Leider verspricht die Windprognosen nicht so viele Segelmeilen für die Beiden, aber zum Glück ist ja in Ballycastle und Rathlin Maritim-Festival. Für Unterhaltung ist also gesorgt.

 
25.05.2015 Traditional

Traditionell kämpft unsere JURA etwas gegen den Wind. Wir segeln wieder zurück nach Rathlin. Diesmal ist aber David am Steuer und Jacky setzt die Segel. Aber es läuft eigentlich recht gut, zwei Kreuzschläge und dann haben wir es geschafft und sind im schönen Hafen.

Zur Feier des Tages gibt es ein super feines Raclette. Unsere beiden Kerzenöfen laufen auf Hochtouren und bald riecht es so recht käseknoblig im Schiff.

 Im Anschluss zieht es uns ins Pub, denn dort trifft sich immer die ganze Inselschar zum gemeinsamen Singen und Fröhlichsein. Und im Rahmen des Maritime-Festivals findet ein Quiz-Abend statt. Team Swiss-Cheese macht auch mit, aber naja, es bleibt uns nur der letzte Platz. Wobei ganz so schlecht haben wir uns nicht geschlagen.

 
28.05.2015 Abwechslungsreich/Wechselhaft

Also wir hatten ja Segelferien geplant mit Jacky und David. 7 Seemeilen in knapp einer Woche sprechen aber eine andere Sprache.

Wir sind auf Rathlin hangen geblieben, denn der Wind möchte wieder einmal einfach nicht! Er lässt es nicht zu, dass wir mit den beiden nordwestwärts nach Portrush rauschen können.

Und so geniessen und erwandern wir ein weiteres Mal die L-förmige Insel. Und es ist ja noch immer Festival und so bekommen wir einige Besonderheiten des Insellebens mit. Wie zum Beispiel die traditionelle Modellsegelbootregatta. Das witzige, die kleinen Schiffe können nicht gesteuert werden und nehmen ihren eigenwilligen Kurs über den See wie sie (oder der Wind) es wollen. Und so huschen die Besitzer von einer Seeseite zur anderen um ihr Böötchen wieder zu wenden. Es scheint dabei kein Problem zu sein, in Turnschuhen knietief im Wasser zu stehen. Das Publikum amüsiert sich und erfreut sich an warmen Würsten vom Grill.

Und wenn es dann wieder regnet, dann verkriechen wir uns in unserem gemütlichen Zuhause und geniessen die Gesellschaft unserer beiden Freunde bei einem spannenden Spiel und bei unzähligen lustigen Geschichten.

Viel zu schnell müssen uns unsere Begleiter aber wieder verlassen, leider mit der Fähre, es hat einfach noch zu viel Wind für unsere JURA.

 
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